Herr Präsident, Kolleginnen und Kollegen,
der 8. Mai 1945 war für Millionen Menschen ein Tag der Hoffnung und Zuversicht.
Ich zitiere mit Erlaubnis den Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“
Der 8. Mai war der Tag, an dem die nationalsozialistische Gewaltherrschaft ihr Ende fand. Und es war der Tag, an dem Deutschland, Europa und die Welt begannen, das aufzuarbeiten, was dieses Terrorregime hinterlassen hatte.
Wir Schleswig-Holsteiner sollten diesem Tag mit besonderem Feingefühl begegnen, denn die braune Bestie hauchte in unserem Land ihr Leben aus.
Bereits am 21. April 1945 war die so genannte Reichsregierung in Plön eingetroffen, dort und in Eutin wurden dann bis zum Tode Hitlers die Geschäfte geführt. Am 3. Mai ging es dann in die Marineschule Flensburg-Mürwik, wo die letzten der verbrecherischen Führung am 23. Mai verhaftet wurden.
Während die deutschen Streitkräfte in Berlin, Italien, Holland, Norddeutschland und Dänemark schon längst kapituliert hatten, saßen entlang des schmalen Küstenstreifens zwischen Flensburg und Glücksburg noch ein paar totale Krieger und träumten ein paar Tage davon, diesen furchtbaren, von Deutschland angezettelten Krieg weiter führen zu können.
Mittlerweile wissen wir, dass Tausende von SS-Leuten und anderen Kriegsverbrechern in diesen Tagen im Flensburger Polizeipräsidium durch Ausgabe von gefälschten Papieren zu „einfachen Soldaten“ gemacht wurden. Bei Wenigen fiel der Betrug auf, die meisten davon lebten in den Folgejahren unbehelligt weiter, oft als Staatsdiener in Schleswig-Holstein. In kaum einem anderen Bundesland war in den 1950er Jahren der Anteil der Staatsbediensteten, die eine Vergangenheit als Kriegsverbrecher oder Nazi-Größe aufzuweisen hatten, größer als hier bei uns.
Weizsäcker sagte 1985 auch: „Wir können des 8. Mai nicht gedenken, ohne uns bewusst zu machen, welche Überwindung die Bereitschaft zur Aussöhnung den ehemaligen Feinden abverlangte“. Das ist eine dauernde Aufgabe geblieben. Politik machen heißt: Wir sind viele, wir sind unterschiedlich und es geht darum, dass die Vielen, Unterschiedlichen auf einem Planeten gemeinsam und in Frieden leben können. Von diesem Ort aus werden wir uns nie mit denen aussöhnen, die meinen selbstermächtigt entscheiden zu können, wer das Recht hat auf dieser Welt zu leben
Das glauben aber immer noch Einige, die den Geist des Nationalsozialismus in die heutige Gesellschaft tragen wollen. Mit unverhohlenem Hass auf die Demokratie und auf alles was ihnen fremd ist nehmen Sie sich, wie ihre geistigen Vorväter das Recht zu entscheiden wer leben darf und wer nicht.
In jüngster Zeit kam es in Kiel mal wieder zu Anschlägen von Nazis. Am 9. Mai, einen Tag nach dem Tag der Befreiung wurden im Wohnprojekt Timmerberg um 23 Uhr mehrere Scheiben eingeschlagen, darunter das Fenster zu einem Kinderzimmer in dem ein vier Jahre altes Mädchen schlief. Auch ein Buchladen in Kiel wurde Ziel eines Anschlags in dieser Nacht.
Besonders vor diesem erschreckenden Hintergrund haben wir wahrlich keinen Grund, uns an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte anzuerkennen und ihm zu gedenken; während wir uns an 365 Tagen im Jahr den Faschisten in den Weg stellen.
Und um mit den Worten Richard von Weizäckers auch zu schließen: „Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mußten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.“
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit