26. Mai 2011

Ellen Streitbörger zur Vermittlung von Fremdsprachen in Schleswig-Holstein

Herr Präsident, meine Damen und Herren!

Ich möchte mich bei der SPD-Fraktion für die gute Idee zu dieser Anfrage und bei den MitarbeiterInnen des Ministeriums für die Antworten bedanken. So liegt uns doch jetzt ausreichend Material zur Diskussion vor. Die Vermittlung von Fremdsprachen ist für die persönliche und kulturelle Entwicklung der Schülerinnen und Schüler von besonderer Bedeutung.

Der Fremdsprachenunterricht bietet Möglichkeiten, die Neugier auf fremde Sprachen zu wecken und die interkulturelle Sensibilität zu fördern. Die Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen durch das Erlernen verschiedener Sprachen ist aus Sicht der LINKEN unbedingt zu fördern.

Auch im Hinblick auf die Internationalisierung des Arbeitsmarktes bilden die Fremdsprachenkenntnisse eine unerlässliche Zugangsvoraussetzung. Die Antworten des Ministeriums führen uns vor Augen, wie groß der Handlungsbedarf im Bereich der Fremdsprachenvermittlung tatsächlich ist.

Ich möchte hier nun exemplarisch einige Probleme heraus greifen:

Im vergangenen Jahr war aus dem Bildungsministerium und von den regierungstragenden Parteien in fast jeder bildungspolitischen Debatte von der „strukturellen Benachteiligung der Gymnasien“ zu hören. Aus den zahlreichen Tabellen der Anfrage wird mir nur eine strukturelle Benachteiligung der Gemeinschaftsschulen deutlich, egal ob es um die Anzahl der Sprachangebote, um Schulreisen oder um Klassenfahrten geht. Das Angebot in den Kindertagesstätten in Schleswig-Holstein muss ausgebaut werden. Wenn in lediglich 15 Kindertagesstätten im ganzen Land regelmäßig eine Begegnung mit der englischen Sprache stattfindet, dann kann ich nur feststellen: das ist viel zu wenig. Auch ist es noch unzureichend, wenn nur in einigen Kindergärten ein- bis zweimal wöchentlich englische Spielstunden stattfinden. Die Antwort auf die Anfrage offenbart auch, dass bilinguale Angebote ausgeweitet werden müssen. Dass es diese Form der Fremdsprachenvermittlung bisher überhaupt nur an Gymnasien gibt, zeigt einmal mehr die Benachteiligung anderer Schularten.

Wir fordern deshalb eine umfassende Ausweitung und zwar für alle Schulen und alle Lernenden gleichermaßen. Dabei geht es nicht nur um die rein quantitative Ausweitung. Die Angebote machen nur dann Sinn, wenn sie qualitative Standards einhalten. Dazu brauchen wir gut ausgebildetes Fachpersonal wie native speakers oder LehrerInnen mit umfassenden Spracherfahrungen. Das heißt natürlich auch, dass wir Lehrerinnen und Lehrern ermöglichen müssen, Zeit im Ausland zu verbringen, um dort ihre Spracherfahrungen vertiefen zu können.

In der aktuellen Situation ist das kaum möglich. Im Studium wird Mobilität durch den zunehmenden Klausurenstress immer mehr eingeschränkt. Und Lehrkräfte, deren Arbeitsbelastung in den vergangenen Jahren permanent gestiegen ist, können solche Auslandsaufenthalte kaum mit ihrer knappen Zeit vereinbaren.

Auf die Frage nach den Leistungen schleswig-holsteinischer Schülerinnen und Schüler im Fach Englisch im Vergleich zu anderen Bundesländern führt das Ministerium eine Studie an, nach der unsere Schülerinnen und Schüler am Mittelwert liegen. Liest man die Studie aber weiter, dann fällt auf, dass es neben Sachsen kein anderes Bundesland gibt, in dem die sozialen Gradienten so entscheidend für das Lese- und Hörverständnis sind wie in Schleswig-Holstein. Bildungsgerechtigkeit sieht anders aus! Fremdsprachendidaktik muss sich zu einer interkulturellen Fremdsprachenpädagogik entwickeln, die neben der rein sprachlichen Wissensvermittlung auch Landeskunde, Abbau von Vorurteilen, Förderung von Toleranz und Akzeptanz in den Unterricht einbindet.

Denn Sprachen sind eben nicht nur der Schlüssel zur Kommunikation, sie sind auch der Schlüssel zu anderen Kulturen. Die Möglichkeit auf ein friedliches und solidarisches Miteinander wächst mit dem Kulturdialog, der eng mit der Fremdsprachenpädagogik in unseren Schulen verwoben sein muss. Und so ist es auch kein Zufall, dass die Mitteilung der Europäischen Kommission zur „Mehrsprachigkeit: Trumpfkarte Europas, aber auch gemeinsame Verpflichtung“ wichtige Ansätze formuliert, um das Bewusstsein für den Wert der Sprachenvielfalt und die davon ausgehenden Chancen zu schärfen.

DIE LINKE fordert deshalb auch für Schleswig-Holstein die Umsetzung des Ziels: Kommunikation in der Muttersprache und in zwei weiteren Sprachen. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!