7. Oktober 2011

Rede von Ellen Streitbörger zur Unterrichtssituation

„Frau Präsidentin, meine Damen und Herren,

Vielen Dank für den Bericht, der uns die Situation im vergangenen Schuljahr im Vergleich zum vorherigen darstellt.

Es ist ein wenig verwirrend, den Tabellen folgen zu wollen, da nicht an jeder Stelle deutlich wird, ob jetzt die Zahl der SchülerInnen gemeint ist, die den jeweiligen Bildungsgang oder die Schulform besuchen. Das ist sicherlich auch schwierig in Zeiten der Umwandlung von Schulformen. Aber es wäre hilfreich, zukünftig die statistische Erfassung der Daten an die real existierenden Schularten anzupassen.

Überhaupt zeigen die SchülerInnenzahlen und die Übergangsquoten, dass die Regionalschulen eher Auslaufmodelle sind. Eine Zweigliedrigkeit mit Gemeinschaftsschulen und Gymnasien erscheint als Übergangslösung auf dem Weg hin zu einer Schule für alle sinnvoll.

Im Abschnitt Klassenzahlen und -frequenzen erfahren wir, dass im Grundschulbereich der Rücklauf der Klassenzahl prozentual größer ist als der Rücklauf der SchülerInnenzahlen. Das schafft aus unserer Sicht keine Situation, die uns der Umsetzung von Inklusion an unseren Schulen näher bringt.

Im Vorteil waren die Regionalschulen, die wohl zum Teil unerwartet wenige Anmeldungen hatten, und die Gymnasien.

An den Gemeinschaftsschulen haben sich die Klassenfrequenzen erhöht. Das wiederum macht die Differenzierung und die Förderung des Einzelnen immer schwieriger.

Kommen wir zum Abschnitt Unterrichtsversorgung. Die Messgröße „Unterrichtsstunden je Schüler/-in“ zeigt, dass sich im Schuljahr 2010/11 die Unterrichtsversorgung leicht verbessert hat. Im Wesentlichen war das bedingt durch die Erhöhung der Pflichtstundenzahl der Lehrkräfte.

Die Freude über die Verbesserung der Unterrichtsversorgung ist dann auch nur von kurzer Dauer. Denn erstens hat sich die Situation im laufenden Schuljahr durch die Stellenstreichungen bereits wieder dramatisch verschlechtert. Und zweitens zeigen uns die weiteren Ausführungen des Berichts zum Thema Unterrichtsausfall die Kehrseite der Medaille: landesweit hat sich der Unterrichtsausfall an den Schulen erhöht. Ausgenommen sind nur die Grundschulen.

Es wird deutlich, dass die Lehrerinnen und Lehrer im Land an den Grenzen ihrer Belastbarkeit sind und dass durch Erhöhung der Pflichtstundenzahl keine Verbesserung der Unterrichtsversorgung erreicht werden kann.Ich möchte kurz auf die Situation der Grundschulen eingehen, die nach der Statistik den niedrigsten Unterrichtsausfall zu verzeichnen haben. Es ist ja leider nicht so, dass GrundschullehrerInnen gesünder als alle anderen LehrerInnen im Land wären.

Hier hilft ODIS die Realität zu schön zu färben. Durch die Pflicht zur Verlässlichkeit fällt an den Grundschulen offiziell kein Unterricht aus.

Wenn aber mehrere Klassen von einer Lehrkraft betreut werden, wenn drei Klassen gemeinsam Sport machen oder sich ein lustiges Video angucken, wenn von nicht-pädagogischem Personal oder von Müttern oder Vätern Klassen beaufsichtigt werden, dann ist zwar statistisch kein Unterricht ausgefallen. Es trägt aber auch nicht im Geringsten zur Qualitätssicherung von Unterricht bei.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Erhöhung der Pflichtstundenzahl für Lehrkräfte zwar die Statistik geschönt hat, aber nicht zur Verbesserung der Unterrichtssituation beigetragen hat.

Eine vermeintliche Verbesserung der Unterrichtsversorgung auf Kosten der Gesundheit von Lehrerinnen und Lehrern ist völlig inakzeptabel und widerspricht der Fürsorgepflicht des Dienstherrn.

Rückläufige SchülerInnenzahlen bei gleich bleibender Anzahl von LehrerInnenstunden sind die Chance, die Unterrichtssituation an Schleswig-Holsteins Schulen zu verbessern.

Wir sind in der Pflicht, Inklusion in der Schule umzusetzen. Wir sind auch in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass jede Schülerin, jeder Schüler entsprechend ihren, bzw. seinen Fähigkeiten gefördert wird. Beides steht aber in krassem Widerspruch zu überarbeiteten Lehrerinnen und Lehrern, überfüllten Klassen und Unterrichtsausfall.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!“